Dr. Stefan Söhn im Interview mit B2B Schwaben: „Natürlich wird Know-how nach China fließen“

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Welche Einschränkungen gibt es für Firmen in China wirklich? Wie wirkt sich der Technologie-Transfer auf die schwäbische Wirtschaft aus? Und wird das Geschäfts-Klima eisiger werden? Wir haben bei Dr. Stefan Söhn, Geschäftsführer der MBL China Consulting GmbH aus Augsburg, nachgefragt.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Dr. Söhn, stimmt es, dass es schwäbische Investoren in China schwerer haben als chinesische in Schwaben?

Dr. Stefan Söhn: Fast jedes Unternehmen aus der Region, das in China engagiert ist, kann über zum Teil abenteuerliche Erfahrungen im Reich der Mitte berichten. Schwäbische Investoren haben es da nicht leichter oder schwerer als jeder andere Investor in China. Dabei handelt es sich jedoch oft nicht um regulatorische Hemmnisse, sondern um ganz praktische Erfahrungen im Tagesgeschäft: Es geht um illoyale Mitarbeiter, um Plagiate, um Zollprobleme, um Auseinandersetzungen mit Joint Venture Partnern etc. Grundsätzlich herrscht in China aber auch ein positives Investitions-Klima. Es gibt allerdings in bestimmten Bereichen noch rechtliche Beschränkungen.

Worauf müssen sich ausländische Investoren in China gefasst machen?

In der jüngeren Vergangenheit gab es einige Erleichterungen. Es herrschen jedoch noch immer zu viele Einschränkungen vor. Dazu gehört beispielsweise der schon seit langem bestehende Joint Venture-Zwang für bestimmte Branchen. Außerdem können ausländische Investoren in einigen Segmenten gar keine chinesischen Firmen kaufen. Zusätzlich wird immer wieder subtil erzwungener Technologie-Transfer beklagt. Und bei bestimmten Infrastruktur-Projekten sind die Ausschreibungs-Bedingungen so gestaltet, dass ausländische Unternehmen keine Chance haben. Das alles muss sich ändern.

Ist Deutschland umgekehrt wirklich so offen für ausländische Investoren, wie es die Bundesregierung derzeit darstellt?

Bis vor wenigen Monaten ist keine chinesische Investition am Widerstand deutscher Behörden gescheitert oder auch nur kritisch in Frage gestellt worden. Bei der KUKA-Übernahme durch Midea gab es zum ersten Mal heftigere Reaktionen. Die Fälle Aixtron und Ledvance (früher Osram) werden jetzt zeigen, ob Deutschland seinen Kurs ändert und möglicherweise auch das Außenwirtschaftsgesetz verschärft.

Meines Erachtens sollten wir nicht in protektionistische Verhaltensweisen verfallen. Viel wichtiger ist, in China beharrlich darauf zu drängen, dass dort für deutsche Unternehmen vergleichbar liberale Bedingungen geschaffen werden.

Chinesische Investoren bieten beim Kauf von Aktien börsennotierter Unternehmen häufig deutlich mehr als den aktuellen Börsenwert. Der Fall KUKA war so ein Beispiel. Wie ist das möglich?

Das liegt vor allem daran, dass in China bei Unternehmens-Bewertungen im Zusammenhang mit inländischen Transaktionen generell ein deutliches höheres Vielfaches des Jahresergebnisses bezahlt wird. Es ist deshalb in der Tat so, dass chinesische Investoren geneigt sind, auch bei Unternehmens-Käufen im Ausland ein sogenanntes Premium zu zahlen. Das verschafft ihnen natürlich im Wettbewerb mit anderen Investoren einen Vorsprung. Genau das haben wir auch bei KUKA gesehen. Bei den Kaufpreisen tut man sich schwer, einen „weißen Ritter“ zu finden.

Darüber hinaus würde ich auch von einer „Beschleunigungs-Prämie“ sprechen: Offensichtlich ist es zahlreichen chinesischen Unternehmen einiges wert, sich den im Vergleich zur Eigen-Entwicklung deutlich schnelleren Zugang zu hochwertiger Technologie etwas mehr kosten zu lassen. So wollen sie den Sprung von der verlängerten Werkbank zur hochwertigen Wertschöpfung zu schaffen.

Als wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass auf lange Sicht schwäbisches Know-how nach China abfließt und heimische Unternehmen so geschwächt werden?

Man sollte nicht blauäugig sein: Natürlich wird Know-how nach China fließen. Das tut es aber schon seit Jahren. VW, Audi und BMW produzieren seit mehreren Dekaden Seite an Seite mit chinesischen Joint Venture-Partnern Autos in China. Mit jeder nach China exportierten Maschine findet Technologie-Transfer statt.

Das hat aber bisher nicht zu einer Schwächung der heimischen Industrie geführt. Im Gegenteil: Dies hat zu der starken Marktstellung deutscher Unternehmen in China ganz wesentlich beigetragen. Im Zuge von Übernahmen könnte möglicherweise die von KUKA mit Midea abgeschlossene Investoren-Vereinbarung zum Industrie-Standard werden: Darin konnten weitreichende Zugeständnisse in Bezug auf die Sicherung der Unternehmens- und Standortinteressen festgeschrieben werden.

Lange Jahre galten die Geschäfts-Beziehungen zwischen Deutschland und China als größtenteils unbelastet. Was hat sich nun geändert?

Das Handelsblatt hat dies kürzlich als die Wandlung Chinas „vom Partner zum Rivalen“ beschrieben. Die Frequenz der gegenseitigen Nadelstiche nimmt zu und sie werden schmerzhafter. Das chinesische Selbstbewusstsein steigt. Die KUKA-Übernahme durch Midea hat bei uns in Deutschland eine Debatte über den Umgang mit chinesischen Investoren losgetreten. Das hat jetzt erstmals dazu geführt, dass beabsichtigte Übernahmen kritisch geprüft und möglicherweise unterbunden werden. Umgekehrt verschreckt China die deutschen Automobilbauer mit neuen anspruchsvollen Quoten-Regelungen für den Anteil von Elektroautos an der Gesamtzahl der in China verkauften PKW.

Das alles wird aber an dem grundsätzlich sehr guten Verhältnis beider Länder nichts ändern: Es gibt kein anderes Land in der Welt, mit dem die Chinesen einen so engen Austausch pflegen.

Was ist Ihr Tipp, um im Rahmen Konflikte hier aus der Welt zu schaffen?

Die berühmten kulturellen Unterschiede sollten nicht immer wieder als Rechtfertigung dafür dienen, unterschiedliche Auffassungen unter den Teppich zu kehren. Es ist richtig, ab und zu Klartext zu sprechen und Verbesserungen in China einzufordern, wie es Gabriel jetzt auf seiner jüngsten China-Reise getan hat. Das muss ja nicht immer in aller Öffentlichkeit geschehen. Wenig hilfreich sind allerdings Äußerungen wie die von EU-Kommissar Oettinger zu den chinesischen „Schlitzaugen“.

Was denken Sie, wie geht es mit den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China weiter?

Da halte ich es mit dem Vorsitzenden des Asien-Pazifik-Ausschusses Lienhard: „Chinas Entwicklung ist für uns Chance, nicht Bedrohung“. China ist immer noch einer der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Firmen. Auf absehbare Zeit wird das auch so bleiben. Im Jahr 2015 betrug die Summe deutscher Exporte nach China 71,3 Milliarden Euro. Diese Summe spricht eine beredte Sprache. Wenn wir weiter in Bildung und Innovation investieren, werden wir unseren Technologie-Vorsprung und unsere Wettbewerbs-Position noch lange halten können.

 

Interview mit Dr. Stefan Söhn, MBL China Consulting. In: B4B SCHWABEN. http://www.b4bschwaben.de ( 12. November 2016).